Über den Schmerz

Historie

Der Schmerz ist älter als die Menschheit.

Der mit der Entstehung eines Schmerzsystems einhergehende evolutionäre Fortschritt bestand in seiner Lebensbewahrenden Bedeutung als „Frühwarnsystem“ gegenüber bedrohlichen Gefahren von außen und von innen. Therapeutische Strategien zur Beseitigung oder Linderung des Schmerzes sind so alt, wie die Menschheit selbst.

Bei den Menschen der Vorzeit und Antike war Schmerz eine von bösen Geistern und Dämonen ausgesandte magische Kraft, die es zu vertreiben galt. Medizinmänner und Schamanen waren hoch angesehene Persönlichkeiten und sind es in einigen Regionen unseres Erdballs auch heute noch. Sie allein waren es, die die Menschen vor den Einflüssen dieser Geister und Dämonen bewahrten. Sollten diese bereits Besitz von einem Körper ergriffen haben, so sollten durch verschiedene Behandlungsmaßnahmen, wie Trepanation der Schädel und Einritzen der Haut, den Geistern Wege gebahnt werden, um aus dem befallenen Körpern zu entweichen.

Zum Fernhalten und Vertreiben von Dämonen und bösen Geistern diente der Zauber von Amuletten, Talismännern und Ritualen. Auch bestanden bereits einzelne Kenntnisse über schmerzlindernde und entzündungshemmende Pflanzen und Kräuter.
Das Opium als schmerzlinderndes Mittel war bereits bekannt und wurde als Attribut und Geschenk eines Gottes dargestellt (Museum Heraklion: Gattin mit 3 Mohnkapseln, kretische Tonfigur aus der Minoischen Zeit 2000 v. Chr.).

Zur Zeit der Griechen bestand die Vorstellung, das Herz sei das Zentrum der Sinne und auch Organ für die Wahrnehmung von Schmerzen.
Auch in den Lehren des Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) findet sich das Herz als Zentrum von Schmerz- und Lustgefühlen wieder. Hippokrates (460 - 370 v. Chr.) beschrieb den Schmerz als Störung der 4 wichtigen Körpersäfte: Blut, Lymphe, gelbe und schwarze Galle.
Galenus von Pergamon (129 - 199 v. Chr.), Arzt von Marc Aurel, hat das Vorwarnsystem als Zentrum der Sinneswahrnehmung und des Schmerzes erkannt. Er hat der Schmerzbehandlung eine göttliche Bedeutung zugeschrieben: „Divinum est sedare dolorem“ - Es ist göttlich den Schmerz zu lindern. Er führte als erster Schmerzbeschreibungen, wie pulsierend, spannend, stechend, einschießend ein. Zu seinen Schmerzmedikamenten gehörten u. a. Kamille, Efeu, Myrrhe, Lauch, Senf und Opium.

Durch das Christentum erhielt der Schmerz besonders im Mittelalter eine vielfältige Sinngebung. Die Gläubigen, die den Schmerz auf Erden ertragen, gehen in das Paradies ein. Andererseits wird ein sündiger Lebenswandel mit dem ewigen Schmerz des Höllenfeuers bestraft.

Rene Descartes (1596 - 1650) beschrieb in seinem Werk „De homine“ (über den Mensch - 1662 posthum erschienen) die Schmerzleitung von den Gliedmaßen zum Gehirn (Ein Knabe erleidet einen Hitzereiz am Fuß. Durch die Erhitzung der Haut wird eine lokale Nervenerregung ausgelöst, welche wie mit einem Klingelzug über den Nerv zum Hirnventrikel und zum Pinealorgan geleitet wird. Dort wird das Bewusstwerden des Schmerzreizes lokalisiert).
Descartes hatte somit als erster im Zusammenhang von Schmerzwahrnehmung, Schmerzentstehung und Schmerzverarbeitung die Kopplung von körperlichen und seelischen Vorgängen beschrieben. Eine Erkenntnis, die auch heute noch Grundlage der modernen Schmerztherapie ist.

Im 17. - 19. Jahrhundert ergaben sich neue Meilensteine in der Schmerztherapie: Joseph Priestley entdeckte das Lachgas, Humphry Davy dessen schmerzlindernde Eigenschaft. Durch den Bostoner Zahnarzt William T. G. Morton wurde die Ethernarkose in der Zahnmedizin eingeführt. Anwendungen aus der Physik, wie Elektrizität und Magnetismus hielten Einzug in die Schmerztherapie.

Serturner (1783 - 1841) konnte erstmals Morphin isolieren. Der Saft der Salweide wurde seit dem Altertum zur Schmerzstillung verwandt. Piria (1815 - 1865) konnte 1839 das Glycosid-Salicyl aus der Weidenrinde isolieren und 1874 konnte daraus das synthetische Produkt Salicylsäure hergeleitet werden. 1897 gelang es Felix Hoffmann nach der Acetylierung Acetylsäure zu einem sehr wirksamen Analgetikum bei Rheumaschmerzen und Neuralgien zu machen.

Durch John J. Bonica (1917 - 1994) wurde die moderne Schmerztherapie des 20. Jahrhunderts und das Wissen über die Entstehung chronischer Schmerzen entscheidend mitgeprägt.
1950 wurde die erste Schmerzklinik gegründet. 1953 erschien das erste Lehrbuch der Schmerztherapie. Parallel entstanden neue theoretische Schmerzkonzepte, besonders bekannt wurde die Gate Control Theory (Melzack und Wall 1965).
In Deutschland gründete 1971 H. U. Gerbershagen, H. Kreuscher, H. Baar und R. Frey die erste interdisziplinäre Schmerzklinik an der Universität in Mainz. 1975 wurde die Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes gegründet.

Aktuelles

Sie haben chronische Schmerzen!

Chronische Schmerzen sind Folge und Ausdruck von bleibenden pathophysiologischen Veränderungen, wie sie beispielsweise bei länger dauernden und unheilbaren Krankheiten auftreten. Langfristig treten physiologische, psychische und physische Reaktionen und Anpassungen auf.

In fast allen Geweben (Hautoberfläche, Muskeln, innere Organe) sind schmerzempfindliche Nervenenden (Nozizeptoren). Bei Gewebeschäden und Entzündungen werden körpereigene Botenstoffe freigesetzt. Diese führen zu einer Erregung von Schmerzrezeptoren. Die Schmerzrezeptoren wiederum sind mit dem Rückenmark durch sensible, periphere Nervenfasern verbunden. Im Rückenmark wird der Schmerzreiz dann vom peripheren auf das zentrale Nervensystem übertragen und an das Schmerzzentrum (Thalamus) im Gehirn weitergeleitet. Hier werden alle Reize zentral erfasst, verarbeitet und an die höheren Hirnregionen geschickt.
Erst die wechselseitige Erregung der verschiedenen Hirnareale führt zur komplexen Empfindung „Schmerz“ und den vielfältigen körperlichen und seelischen Reaktionen.

Das Zusammenspiel von Körper und Seele lässt den Schmerz mehr oder weniger stark entstehen. Bei chronischen Schmerzen spielt die individuelle Schmerzbewertung eine wichtige Rolle. Der Schmerz wird zur Schmerzkrankheit, zum chronischen Leiden, man spricht von einer eigenständigen Erkrankung (Schmerzkrankheit).

Viele Patienten haben bereits einen langen Leidensweg mit zahlreichen Arztbesuchen und einer Reihe verschiedener Behandlungsversuche hinter sich. Sie fühlen sich häufig von anderen nicht mehr ernst genommen und haben Ängste und Vorbehalte, einen neuen Therapieversuch zu unternehmen.

Das Therapieziel bei der Behandlung von chronischen, also seit oftmals Jahren oder Jahrzehnten andauernden Schmerzen, besteht in der Linderung der Beschwerden, dem schrittweise Wiedererlangen körperlicher und seelischer Leistungsfähigkeit und dem Aufbau eines kompetenten Umganges mit den Beeinträchtigungen. Dabei sind die Mitarbeit der Patienten und die Bereitschaft zu Veränderungen erforderlich.

Gemeinsam gegen den Schmerz!